Manchmal verliert man Dinge. Das ist ärgerlich, aber passiert. Und manchmal verliert man Dinge nicht, entwickelt aber innerhalb kürzester Zeit eine absolut wasserdichte Theorie darüber, warum sie verloren gegangen sein müssen, und beginnt anschließend eine umfangreiche Suchaktion.
Willkommen zu einer weiteren Folge von: „Ich hab doch geguckt.“
Ich bin bei meinem besten Freund, will los und sehe plötzlich, dass das äußere Reißverschlussfach meiner Tasche offen steht. Genau das Fach, in das ich meinen Schlüsselbund getan hatte. Ich schaue rein und natürlich ist es leer. Mein erster Gedanke ist also relativ eindeutig: Scheiße. Mein Schlüsselbund ist weg.
Nicht irgendein kleiner Schlüssel, den man vielleicht zwischen zwei Taschentüchern übersehen könnte. Nein, ein durchaus auffälliger Schlüsselbund. Einer, bei dem man eigentlich davon ausgehen sollte, dass sein Verschwinden irgendwie bemerkt wird. Offenbar gilt das allerdings nicht, wenn ADHS und eine offene Tasche gemeinsam an einem Tatort beteiligt sind.
Also Tasche durchwühlt. Und zwar DIE Tasche, die ich immer dabei habe. Jede Tasche aufgemacht, reingeguckt, durchgeguckt, durchwühlt und geschüttelt. Mein Freund sagt irgendwann: „Ich hab doch da einen Schlüssel gehört?“ Ich sage selbstverständlich: „NE! Da ist nichts! Ich hab doch alles durchgeguckt!“
Und hier begrüßen wir bereits den ersten typischen ADHS Moment: die absolute und vollkommen ehrliche Überzeugung, etwas gründlich überprüft zu haben. Ich hatte schließlich alles kontrolliert. Also alles, was mein Gehirn in diesem Moment als „alles“ auf dem Schirm hatte. Das offene Fach war leer, der Schlüsselbund war nicht in den anderen Taschen und damit war die Sache für mich geklärt.
Mein Freund fragt dann: „Wo hattest du ihn denn zuletzt?“ Also beginne ich, den Verlauf zu rekonstruieren. Ich hatte den Scooter aufgeschlossen, war danach noch am Briefkasten und habe mich dort mit meinem Nachbarn unterhalten. Der Schlüsselbund war also definitiv noch in meiner Hand und ich weiß auch, dass ich den Briefkasten damit geöffnet und den Schlüssel anschließend wieder abgezogen hatte.
Bis dahin ist alles glasklar. Danach wird es allerdings schwierig. Mein Gehirn kann mir zuverlässig sagen, dass der Schlüsselbund am Briefkasten noch da war. Was danach passiert ist und wo genau ich ihn hingetan habe, darüber liegt offenbar eine kleine Nebelbank.
Ungünstig. Der Weg zu meinem Freund führt mich über viele Bordsteinkanten und unwegsames Gelände bietet ungefähr achttausendsiebenhundertdreiundzwanzig Möglichkeiten, einen Schlüsselbund aus einer nicht allzu tiefen, offenen Tasche zu befördern. Jede Bodenwelle könnte theoretisch dafür gesorgt haben, dass das Ding in hohem Bogen irgendwo ins Gras geflogen ist.
Die Theorie steht!
Die Theorie steht also ziemlich schnell: unterwegs verloren. Und weil diese Theorie absolut plausibel klingt, passiert der nächste ADHS Klassiker. Mein Gehirn entscheidet sich für diese Erklärung und behandelt sie ab diesem Zeitpunkt nicht mehr als Theorie, sondern als bewiesene Tatsache.
Also Ersatzschlüssel genommen und auf den Weg gemacht und den Hinweg akribisch zurückverfolgt. Auf der falschen Straßenseite. Auf dem Gehweg. Im Dunkeln. Im Regen. Ich habe mich gefühlt, wie ein Schwerverbrecher, weil ich auf der falschen Seite fuhr.
Ich mache noch einen kleinen Schlenker zum Supermarkt, weil ich noch etwas brauche und stelle meinen Scooter am Fahrradständer ab, nehme das Schloss und … richtig: Kein Schlüssel. Nachdem ich ungefähr 3 Minuten damit verbracht habe zu überlegen, ob ich es riskiere und reingehe oder nicht, fuhr ich weiter. Weil ich ja keinen Schlüsselbund habe. Das Problem war also weiterhin vorhanden und hatte sich durch das Herumfahren erstaunlicherweise nicht von selbst gelöst.
Also weiter nach Hause. Am Wohnblock gesucht und überall geguckt, wo ein auffälliger Schlüsselbund theoretisch liegen könnte und ich entlang gefahren bin. Natürlich nichts gefunden, aber das konnte ja auch daran liegen, dass ich nicht genau genug gesucht hatte. Also bringe ich meine Tasche in die Wohnung, hole eine Taschenlampe, vergesse fast noch den Ersatzschlüssel und suche dann noch mal die Randsteine ab. Nüscht!
Also zurück in die Wohnung. Dort beginnt die nächste Stufe der Ermittlungen, nämlich die vollständige Tascheneskalation. Tasche komplett ausgekippt, alles raus und jeden einzelnen Gegenstand in die Hand genommen. Taschen geöffnet, umgestülpt. Wieder nichts. Damit hätte die Geschichte eigentlich beendet sein können.
Aber dann nehme ich die Tasche noch einmal und schüttele sie. Und plötzlich höre ich ein Geräusch, das verdächtig nach einem Schlüsselbund klingt. Ich schüttele noch einmal und höre es wieder. Jetzt wird die Sache allerdings interessant, denn ich habe diese Tasche gerade mehrfach durchsucht und komplett ausgeleert.
Hier kommt der nächste ADHS Moment ins Spiel: Was passiert eigentlich, wenn neue Informationen nicht zur bereits fertig beschlossenen Theorie passen? Offenbar werden sie erstmal ignoriert. Mein Freund hatte vorher schon gesagt, dass er einen Schlüssel gehört hatte und ich hatte ihm mit voller Überzeugung erklärt, dass da keiner ist. Jetzt höre ich selbst eindeutig einen Schlüsselbund und frage mich trotzdem nicht sofort, ob ich vielleicht etwas übersehen habe.
Seit wann ist DAS denn da?
Ich untersuche die Tasche noch einmal. Diesmal allerdings mit zunehmendem Misstrauen gegenüber meiner eigenen Wahrnehmung. Und plötzlich sehe ich ein Reißverschlussfach zwischen den anderen Fächern und denke ernsthaft: Moment. Seit wann ist DAS denn da?
Natürlich weiß ich, dass dieses Fach existiert. Ich kenne meine Tasche und habe sie ständig dabei. Aber offenbar hatte mein Gehirn dieses Fach in der Panik, im Tunnelblick und mit der festen Überzeugung, den Schlüssel draußen verloren zu haben, erfolgreich aus dem Suchprogramm entfernt.
Ich öffne das Fach und finde meinen Schlüsselbund. Den durchaus auffälligen Schlüsselbund, wegen dem ich gerade mit einem Ersatzschlüssel im Dunkeln und Regen meinen Weg zurückverfolgt habe. Den Schlüsselbund, dessen Verlust ich anhand einer ziemlich plausiblen Theorie rekonstruiert hatte. Er lag die ganze Zeit in meiner Tasche.
Der Fall ist gelöst!⠀
Ich hatte also ein offenes und leeres Fach gesehen, eine Verlusttheorie entwickelt und anschließend jede Information danach sortiert, ob sie zu dieser Theorie passt. Ich hatte die Tasche mehrfach durchsucht, ein hörbares Klimpern erfolgreich wegargumentiert und draußen nach einem Schlüsselbund gesucht, der theoretisch bei einer besonders ambitionierten Scooterfahrt über Stock und Stein irgendwo im Gras gelandet sein könnte.
ADHS ist manchmal wirklich faszinierend. Nicht unbedingt, weil man Dinge einfach vergisst, sondern weil das Gehirn Informationen offenbar situationsabhängig verwaltet. Man kennt ein Fach, benutzt es vermutlich regelmäßig und kann trotzdem in einem Moment völliger Überzeugung davorstehen und denken: Huch. Wo kommt DAS denn plötzlich her?
Ja ne, is klar …
