Beim Thema Adipositas steigen viele innerlich aus, noch bevor sie den ersten Absatz gelesen haben. Wer überzeugt ist, dass Übergewicht im Kern aus „zu viel essen, zu wenig bewegen und zu wenig Disziplin“ entsteht, liest Begriffe wie „komplex“ oder „Erkrankung“ und klappt innerlich zu: „Eigenverantwortung muss man halt wollen.“
Genau dort liegt der blinde Fleck: Es wird ständig betont, was Menschen mit Adipositas angeblich tun oder lassen, aber kaum gefragt, was überhaupt dazu führt, dass manche in dieser Welt deutlich öfter „zu viel essen, zu wenig bewegen und zu wenig Disziplin zeigen“ als andere. Die Muster am Ende sind sichtbar, die Bedingungen davor werden fast nie mitgedacht.
Gerade an diesem Punkt lohnt es sich hinzuschauen. Nicht, weil Medizin und Wissenschaft Betroffene plötzlich „freisprechen“ oder Adipositas neu erfinden wollen, sondern weil die Ursachen inzwischen deutlich besser erforscht sind als noch vor einigen Jahren. Dass der Wissensstand sich weiterentwickelt, heißt nicht, dass Adipositas früher kein komplexes Krankheitsgeschehen war, sondern nur, dass man die Mechanismen heute klarer benennen kann.
Dieser Text richtet sich deshalb an beide Gruppen: an Menschen, die das alte Narrativ vom reinen Willenskraftproblem vertreten, und an Betroffene, die seit Jahren mit der Schuldzuschreibung leben. Ihnen allen kann es helfen, das Thema einmal mit dem Abstand von aktuellen Daten zu betrachten, statt nur mit dem Bauchgefühl, das uns gesellschaftlich antrainiert wurde.
Diesem Thema eine Chance zu geben, heißt nicht, Verantwortung aus der Hand zu geben, sondern sie bewusst wahrzunehmen. Es heißt, für einen Moment zuzulassen, dass das eigene Bild von Adipositas sich mit dem messen darf, was die Forschung heute dazu weiß. Wer sich selbst als jemand versteht, der Dinge ungern auf Schlagworte und einfache Schuldzuweisungen reduziert, sondern bereit ist, auch unbequeme Informationen mitzudenken, findet in den folgenden Abschnitten genug Stoff, um das alte Narrativ zumindest einmal zu prüfen.
Warum „zu viel essen“ nicht am Anfang der Geschichte steht
Natürlich stimmt es am Ende oft ganz banal: Menschen mit Adipositas nehmen über längere Zeit mehr Energie auf, als sie verbrauchen. Sie essen oft zu viel von den falschen Dingen und bewegen sich gemessen daran zu wenig. Ohne dieses Ungleichgewicht gäbe es kein Übergewicht. Das ist nicht der Streitpunkt.
Die entscheidende Frage ist eine andere: Warum geraten manche Menschen in dieser Umgebung immer wieder in genau dieses Muster, während andere mit denselben Supermärkten, denselben Lieferdiensten, denselben Jobs und demselben Stress deutlich stabiler bleiben.
Adipositas wird heute als chronische, multifaktorielle Erkrankung beschrieben, weil sich zeigt, dass mehrere Ebenen zusammenwirken. Genetische Veranlagung, die Steuerung von Hunger und Sättigung, die Verarbeitung von Belohnung im Gehirn, psychische Belastungen, Lernerfahrungen und der Alltag bestimmen gemeinsam, wie stark jemand auf Essensreize reagiert, wie intensiv Hunger erlebt wird und wie zuverlässig Sättigung bremst. Das sichtbare Verhalten ist real. Es ist aber das Ergebnis einer Kette von Faktoren, nicht ihr Ausgangspunkt.
Gehirn, Hormone und Gewichtsstabilität
Menschen unterscheiden sich darin, wie ihr Gehirn auf Essen reagiert. Studien zeigen, dass bei einem Teil der Menschen mit Adipositas Essensreize stärkere Aktivierungen in Belohnungsregionen auslösen, während hemmende Kontrollmechanismen weniger effektiv bremsen. Gleichzeitig sind hormonelle Signale, die Hunger und Sättigung steuern, häufig verändert.
Hormone wie Leptin und Insulin vermitteln dem Gehirn, wie viel Energie im Körper vorhanden ist. Bei Adipositas funktioniert diese Rückmeldung oft weniger zuverlässig. Der Körper erkennt gespeicherte Energie schlechter und verhält sich eher so, als müsste er Nachschub sichern. Das führt nicht dazu, dass jemand ohne Essen zunimmt, sondern dazu, dass Hunger häufiger auftritt, Sättigung später einsetzt und Essen subjektiv schwerer zu kontrollieren ist.
Dazu kommt die Set-Point-Theorie: Hat der Körper sich einmal auf ein höheres Gewicht eingestellt, behandelt er dieses Gewicht oft als neuen Normalzustand. Versuche, Gewicht zu verlieren, werden dann mit stärkerem Hunger, mehr Appetit und einem Sparmodus beim Energieverbrauch beantwortet. Diese Reaktionen laufen größtenteils automatisch ab und nicht als bewusste Entscheidung.
Viele Betroffene beschreiben das als Gefühl, ihr Stoffwechsel sei „kaputt“ oder sie würden schon „vom Anschauen zunehmen“. Medizinisch ist das kein Defekt, aber es beschreibt eine reale Erfahrung. Hunger, Appetit und Energieverbrauch verhalten sich nicht mehr so, wie man es erwarten würde. Die Folge sind kleine, oft unbemerkte Verschiebungen im Alltag. Etwas häufiger essen, etwas größere Portionen, etwas energiedichtere Lebensmittel. Für sich genommen unauffällig, über Jahre aber wirksam.
Warum Willenskraft allein das Problem nicht erklärt
Genauso verkürzt wie das Bild vom „kaputten Stoffwechsel“ ist die Vorstellung, alles sei eine Frage von Disziplin. Menschen, deren Hunger und Sättigung vergleichsweise stabil reguliert sind, erleben weniger starke Hungerspitzen, weniger Cravings und weniger Gegenregulation nach Diäten. Für sie fühlt sich Gewichtssteuerung einfacher an. Das sagt aber mehr über ihre Ausgangsbedingungen aus als über die der anderen.
Dass jemand mit Disziplin Gewicht verloren hat, ist eine reale Leistung und darf auch als solche anerkannt werden. Überheblich wird es dort, wo aus dieser eigenen Erfahrung geschlossen wird, andere müssten es mit genügend Willenskraft genauso schaffen. Denn dabei wird ausgeblendet, dass die Ausgangsbedingungen sehr unterschiedlich sind.
Die eigene Leistung wird dadurch nicht kleiner. Sie ist nur nicht automatisch der Maßstab für alle. Wer mit günstigeren biologischen, psychischen und sozialen Voraussetzungen startet, muss für dasselbe Ergebnis oft weniger gegenregulieren als jemand, dessen Körper und Gehirn deutlich stärker reagieren. Das ist eine Tatsache, keine Theorie. Und genauso eine Tatsache ist es, dass Menschen mit diesen Voraussetzungen das reale Erleben einer ungünstigen Biologie nicht kennen und deshalb erscheint es ihnen völlig logisch, ihre eigene Leistung als Maßstab für alle zu sehen, auch wenn das nicht stimmt.
Ein anschaulicher Vergleich ist die Biologie von Läufern. Wer lange Beine hat, legt mit jedem Schritt mehr Strecke zurück, ohne bewusst darüber nachzudenken. Daraus zu schließen, dass alle anderen nicht schneller laufen wollen, verkennt, dass Läufer mit kürzeren Beinen für dieselbe Strecke mehr Schritte, Kraft und Ausdauer aufbringen müssen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht trotzdem schnell sein können. Faktoren wie Technik, Kondition oder Motivation können das ausgleichen, nur fällt es Menschen mit natürlichen Vorteilen wie langen Beinen oder „Läufer-Biologie“ oft leichter, diesen Punkt zu erreichen. Stolz auf die eigene Leistung ist völlig legitim, aber sie automatisch als Maßstab für alle zu nehmen übersieht die unterschiedlichen Voraussetzungen, unter denen andere kämpfen.
Dass jemand mit Disziplin Erfolg hatte, ist kein Beweis dafür, dass Adipositas grundsätzlich mit Willenskraft lösbar wäre. Es zeigt nur, dass bei dieser Person Biologie, Psyche, Umfeld und Ressourcen günstiger zusammenspielen. Auch bei ihnen war es nicht so einfach, wie es im Rückblick oft klingt. Sonst wäre Übergewicht nie zum Thema geworden.
Psyche: Essen als Regulation, nicht als Ausrede
Emotionales Essen ist keine „faule Ausrede“. Es ist ein gut dokumentiertes Phänomen, das eng mit Gewichtszunahme und Schwierigkeiten beim Abnehmen verbunden ist. Menschen greifen zu Nahrung, um Gefühle zu regulieren. Stress, Angst, Traurigkeit, Wut oder innere Leere werden vorübergehend gedämpft. Besonders stark verarbeitete, energiedichte Lebensmittel wirken direkt auf Belohnungs- und Motivationssysteme im Gehirn. Dopamin und andere Neurotransmitter sorgen für kurzfristige Erleichterung und koppeln das Verhalten langfristig stärker an das Belohnungssystem.
Diese Muster zeigen süchtig-ähnliche neurobiologische Mechanismen. Ähnlich wie bei Verhaltens- oder Substanzsucht werden Lern- und Belohnungsprozesse aktiviert, die das Verlangen verstärken und die Kontrollfähigkeit erschweren. Anders als bei klassischen Suchterkrankungen kann man Essen nicht einfach weglassen. Die Abhängigkeit wird nicht nur durch das Verhalten selbst erzeugt, sondern auch durch biochemische und hormonelle Prozesse im Körper, die das Verhalten verstärken und dauerhaft aktiv halten. Das Gehirn wird durch Nahrungsaufnahme immer wieder automatisch getriggert, sodass das Muster schwer „abzugewöhnen“ ist.
Chronischer Stress erhöht Cortisol, was Hunger und Appetit steigert, besonders für kalorienreiche Nahrung. Schlafmangel verändert Hormone wie Leptin und Ghrelin, wodurch Sättigungsgefühle reduziert und Heißhunger verstärkt werden. Traumatische oder belastende Erfahrungen prägen Emotionsverarbeitung und Selbstregulation. Wiederholtes emotionales Essen verstärkt Gewichtszunahme und erschwert langfristig Gewichtsregulierung, selbst bei hoher Motivation. Schuldgefühle und Stigmatisierung verschärfen die Situation zusätzlich.
Psychologische Unterstützung, Achtsamkeit, Strategien zur Stressbewältigung und Schlafoptimierung sind zentrale Bausteine jeder effektiven Therapie. Sie greifen in die Muster ein, die im Zusammenspiel von Psyche, Belohnungssystem, biologischer Regulation und Umfeld Übergewicht wahrscheinlicher machen und wirken nicht isoliert, sondern immer in Kombination.
Umfeld: Eine Welt, die Überessen erleichtert
Auf die psychologischen und neurobiologischen Mechanismen trifft eine Umgebung, die Überessen systematisch begünstigt. Ultra verarbeitete Lebensmittel sind günstig, leicht verfügbar und so gestaltet, dass sie schnell und in großen Mengen konsumiert werden können, ohne satt zu machen. Werbung, Marketingstrategien und soziale Normen verstärken die Versuchung. Die Industrie ist genau darauf ausgerichtet, Menschen zu ködern, damit sie mehr kaufen und konsumieren. Dieses System belohnt kurzfristige Belohnungen für das Gehirn und bestärkt die emotionalen Essmuster.
Menschen mit wenig Zeit, Geld oder Energie, etwa durch Schichtarbeit, Alleinerziehung, lange Pendelzeiten oder Mehrfachjobs, greifen daher häufiger zu schnellen, hochkalorischen Lösungen. Nicht weil sie „zu schwach“ sind, sondern weil gesunde Alternativen deutlich mehr Aufwand, Planung und Ressourcen erfordern. Wer zusätzlich eine anfällige Neurobiologie oder emotionale Dysregulation mitbringt, wird von diesem Umfeld besonders stark getroffen.
Das Umfeld wirkt so nicht nur als neutraler Hintergrund, sondern verstärkt aktiv die Verhaltensmuster, die Übergewicht wahrscheinlicher machen. Es ist daher kein individuelles Versagen, wenn Menschen wiederholt zu solchen Lebensmitteln greifen, sondern eine Reaktion auf ein System, das genau darauf angelegt ist.
Lebensgeschichte und Verletzbarkeit
Adipositas entsteht selten isoliert oder rein aus eigener Entscheidung. Belastende Kindheitserfahrungen wie Vernachlässigung, Gewalt oder stark bewertender Umgang mit Körper und Essen können die Grundlagen für spätere Essgewohnheiten legen. Kinder lernen häufig, Essen als Mittel zur Beruhigung, Belohnung oder emotionalen Regulation zu nutzen.
Diese Muster bleiben jedoch nicht auf die Kindheit beschränkt. Sie können sich im Erwachsenenalter verfestigen, unabhängig von der Erziehung, da die Gesellschaft, Werbung und soziale Normen weiterhin vermitteln, dass Essen Gefühle lindern oder belohnen kann. Die Muster werden durch das Umfeld bestärkt und wiederholt, sodass emotionales Essen auch später zum selbstverständlichen Bewältigungsinstrument wird.
Nicht jede belastende Biografie führt automatisch zu Übergewicht. Genetische, neurobiologische und psychologische Unterschiede bestimmen, wie Menschen auf Stress, emotionale Reize und Belohnungsanreize reagieren. Wer zusätzlich anfälliger ist, gerät leichter in den Kreislauf emotionalen Essens.
Dieses Zusammenspiel von Psyche, Belohnungssystem, Umfeld und Lebensgeschichte zeigt, dass Adipositas kein individuelles Versagen ist. Die Entstehung von Übergewicht ist ein Produkt vieler Bausteine, die zusammenwirken und das Verhalten wahrscheinlicher machen. Wer die Komplexität anerkennt, erkennt zugleich, dass Therapie, Unterstützung und Verhaltensänderung immer auf mehreren Ebenen ansetzen müssen.
Warum wir Krankheiten unterschiedlich beurteilen
Stell dir zwei Situationen vor. In der einen sitzt ein Mensch mit Krebs beim Onkologen, in der anderen ein Mensch mit Adipositas beim Hausarzt. In beiden Fällen handelt es sich um Erkrankungen, die das Leben massiv verkürzen können, und in beiden Fällen gibt es medizinisch anerkannte Behandlungen. Trotzdem reagieren wir nicht gleich darauf.
Bei Krebs ist unstrittig, dass es sich um eine Erkrankung handelt. Chemo, Bestrahlung, Operationen und moderne Medikamente gelten als selbstverständlich. Auch wenn es im Hintergrund moralische Bewertungen gibt, etwa bei Rauchen oder Lebensstil, bleiben sie meist unausgesprochen und folgenlos. Kaum jemand würde offen sagen, ein Krebspatient sei selbst schuld und solle deshalb auf Therapie verzichten. Noch weniger Menschen würden fordern, die Behandlung nicht zu finanzieren. Die Krankheit bleibt behandlungswürdig, unabhängig von persönlichen Urteilen.
Rauchen erhöht das Risiko für Lungenkrebs, ist aber nur ein Faktor unter vielen. Ob jemand raucht, wird von verschiedenen Einflüssen geprägt, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, zum Beispiel genetische Veranlagung, Belohnungssysteme im Gehirn, Stress oder das soziale Umfeld. Manche Menschen rauchen jahrelang ohne zu erkranken, andere entwickeln die Krankheit schneller, wieder andere fangen gar nicht erst an zu rauchen. Trotz dieser Unterschiede wird die medizinische Versorgung nicht in Frage gestellt.
Bei Adipositas ist die Situation ähnlich. Biologische, neurobiologische, psychologische und soziale Faktoren beeinflussen die Wahrscheinlichkeit, überhaupt Übergewicht zu entwickeln. Manche Menschen bleiben normalgewichtig, andere neigen leichter dazu. Dennoch wird Adipositas deutlich häufiger moralisch bewertet. Sätze wie „wer trotz Diät und Sport nicht abnimmt, will es nicht genug“, „wer Medikamente oder Operationen braucht, macht es sich leicht“ oder „das ist doch keine richtige Krankheit, das hat man sich jahrelang selbst erarbeitet“, sind Alltag. Gleichzeitig stufen internationale Fachgesellschaften Adipositas klar als chronische Erkrankung ein, die biologisch, neurobiologisch und psychosozial verankert ist.
Diese moralische Aufladung hat reale Konsequenzen. Gesellschaftlich wie staatlich wird die Erkrankung oft als Lifestyle-Problem betrachtet. In der Folge werden verfügbare Therapien nicht übernommen und die Notwendigkeit einer medizinischen Behandlung wird gar nicht erst ernsthaft diskutiert. Die individuelle Biologie und das Zusammenspiel verschiedener Faktoren bestimmen, wer betroffen ist, unabhängig von Disziplin oder Willenskraft.
Krankheiten sollte man generell nicht gegeneinander aufwiegen. Jede Erkrankung ist ernst und behandlungsbedürftig. Der Vergleich mit Krebs dient ausschließlich dazu zu zeigen, wie unterschiedlich Gesellschaft und Staat auf Krankheiten reagieren, wenn sie moralisch aufgeladen werden. Bei der einen Erkrankung bleiben moralische Zuschreibungen folgenlos, bei der anderen entscheiden sie darüber, ob Therapie überhaupt als legitim gilt. Diese Asymmetrie ist das zentrale Problem.
Wer das alte Narrativ kritisiert und zugleich denkt, Menschen mit Adipositas seien faul oder undiszipliniert, folgt unbewusst den gleichen Denkmustern, die das Narrativ ursprünglich erzeugt haben. Es ist eine logische Schlussfolgerung aus persönlichen Erfahrungen, Beobachtungen und gesellschaftlich verinnerlichten Annahmen und kein Ausdruck von Ignoranz oder Böswilligkeit.
Therapie, Verantwortung und das Systemproblem
Adipositas erfordert mehr als bloßes „weniger essen, mehr bewegen“. Leitlinien empfehlen eine Kombination aus Ernährungs- und Bewegungsintervention, psychologischer Unterstützung, medikamentöser Therapie und gegebenenfalls bariatrischer Chirurgie. Ein Disease-Management-Programm existiert, wird aber kaum umgesetzt. Flächendeckende Angebote, qualifizierte Fachkräfte und ausreichende Finanzierung fehlen. Selbst wer sich anstrengt, stößt oft an Grenzen, weil viele hilfreiche Möglichkeiten schlicht nicht verfügbar oder für die Betroffenen nicht zugänglich sind.
Zusätzlich gibt es ein Überangebot an unseriösen Programmen, Mitteln und Versprechen. Viele Angebote sind unzureichend, vermitteln falsches oder veraltetes Wissen, und Betroffene können oft nicht einschätzen, was seriös und wirksam ist. Ein großer Teil dieser Branche funktioniert wie eine Maschine, die Geld verdient, indem sie Betroffene scheitern lässt, ähnlich wie Teile der Ernährungsindustrie. Auch Mediziner, Ernährungsberater und andere Fachkräfte kämpfen mit Mythen und Wissenslücken. In der Praxis hören Patienten weiterhin Sätze wie „Sie müssen es nur mehr wollen und einfach weniger essen und mehr bewegen“.
Gute, evidenzbasierte, ganzheitliche Therapien werden fast ausschließlich nicht von der Krankenkasse übernommen, abgesehen von bariatrischen Operationen. Vieles bleibt Eigenleistung, die sich nicht jeder leisten kann. Verantwortung wird so zu einem nahezu unmöglichen Konzept, weil das System die erforderlichen Hilfen nicht bereitstellt.
Die Gesellschaft zeigt eine klare Doppelmoral. Betroffene sollen aktiv werden, gleichzeitig wird genau definiert, welche Wege als „legitim“ gelten. Viele wirksame Therapien werden moralisch abgewertet, weil Abnehmen angeblich besonders schwer und entbehrungsreich sein muss. Wer Hilfe annimmt, gilt trotzdem als jemand, der sich „zu leicht macht“, obwohl es oft die letzte verbleibende Option ist. Natürlich gibt es Menschen, die nur ein paar Kilo abnehmen müssten und sich dafür nicht anstrengen wollen, aber sie als Maßstab für alle zu sehen, ist medizinischer Unsinn.
Stigma und das Narrativ der Eigenverantwortung wirken doppelt. Sie halten Betroffene davon ab, Hilfe zu suchen, und beeinflussen politische sowie medizinische Entscheidungen, die Therapien als „nicht nötig“ oder „vermeidbar“ einstufen. Verantwortung bedeutet nicht, eine chronische Erkrankung ohne Unterstützung wegdisziplinieren zu müssen. Sie heißt, die eigenen Möglichkeiten bestmöglich zu nutzen, soweit diese überhaupt existieren. Wer bei Adipositas moralische Leistungsvorstellungen ansetzt, müsste der Logik folgend auch Menschen mit Krebs, Diabetes oder Depression vorwerfen, dass sie sich mit Therapie „zu leicht machen“, obwohl die medizinische Unterstützung dort tatsächlich verfügbar ist.
Für alle, die beim Lesen innerlich abgewunken haben
Wenn du beim Lesen der Überschriften innerlich schon gedacht hast „ich kenne das alles, am Ende essen sie trotzdem zu viel“, dann bist du genau die Zielgruppe dieses Textes. Es geht nicht darum, Entscheidungen unsichtbar zu machen. Es geht darum, zu akzeptieren, dass Entscheidungen nie im Vakuum passieren. Dass Menschen mit Adipositas keine „Fantasie-Physik“ betreiben, sondern mit einer Biologie, einem Gehirn, einer Lebensgeschichte und einem Umfeld leben, in denen „einfach weniger essen“ eine andere Aufgabe ist als bei dir.
Und ja, es stimmt: Manche Menschen mit Adipositas schaffen es, ohne Medikamente oder OP sehr viel Gewicht zu verlieren und zu halten. Der Punkt ist nur: Das ist kein Beweis dafür, dass Adipositas eigentlich für alle mit genug Disziplin lösbar wäre, sondern ein Hinweis darauf, dass ihre individuelle Kombination aus Biologie, Psyche, Umfeld und Ressourcen Veränderung trotz Erkrankung möglich macht. Adipositas bleibt in diesen Fällen trotzdem eine chronische Erkrankung, weil das Risiko für Rückfälle und erneute Gewichtszunahme lebenslang erhöht bleibt und der Alltag dauerhaft mehr bewusste Regulierung, Kontrolle und Aufwand erfordert als bei Menschen ohne diese Vorgeschichte. Wer einmal schwer adipös war, hat den Kampf medizinisch betrachtet bereits einmal verloren, auch wenn er später viel erreicht, und er wird ein Leben lang näher an der Kante stehen als jemand, der dieses Risiko nie hatte.
Oft kommt an dieser Stelle der Einwand: „Aber es gibt doch genug Studien, die zeigen, dass dicke Menschen mehr essen und sich weniger bewegen.“ Ja, die gibt es. Sie zeigen, dass bei Adipositas am Ende mehr Energie aufgenommen und weniger verbraucht wird. Sie sagen aber nicht, dass Faulheit, Charakter oder mangelnde Moral die Ursache wären. Sie beschreiben Verhalten, nicht die Mechanismen, die es wahrscheinlicher machen. Die gleiche Literatur, die Energiezufuhr und Bewegungsmuster dokumentiert, verweist parallel auf genetische Unterschiede, neurobiologische Prozesse, Stressreaktionen, Emotionsregulation und eine obesogene Umwelt, die genau dieses Verhalten begünstigen. „Disziplin“ ist in diesem Kontext kein sauberer Gegenpol zur „Schwäche“, sondern selbst Produkt von Gehirnchemie, Belastung, Lernprozessen und Rahmenbedingungen und es gibt keine seriöse Evidenz, die das populäre Narrativ stützt, nach dem der Großteil adipöser Menschen im Kern einfach nur undiszipliniert wäre.
Und ja, es stimmt genauso: Manche Betroffene erzählen sich selbst das Märchen vom komplett „kaputten Stoffwechsel“ und sind überzeugt, sie würden „vom Angucken zunehmen“. Das ist menschlich, wenn man jahrelang kämpft. Genauso märchenhaft ist aber die Gegenseite, in der schlanke Menschen so tun, als sei ihr Gewicht ausschließlich Ergebnis von Tugend und Verstand. Die Wahrheit liegt dazwischen und ist unbequem. Adipositas ist eine Erkrankung, deren Entstehung viel mit Biologie und Neurobiologie, viel mit Psyche, viel mit Umfeld und viel mit Stigma zu tun hat.
Genau deshalb ist sie schwer zu behandeln, nicht trotz. Wer das anerkennt, nimmt niemandem Verantwortung weg. Er hört nur auf, eine chronische Erkrankung als Charaktertest zu inszenieren und Therapie als „sich leicht machen“ zu beschimpfen. Und er öffnet die Tür für das, was Betroffene wirklich brauchen: weniger Moralurteile, mehr Verständnis, bessere Therapie und die Einsicht, dass man Verantwortung und Erkrankung gleichzeitig ernst nehmen kann.
Anmerkung: Alle Quellenangaben sind zum Stand Januar 2026 aktuell und in wissenschaftlichen Datenbanken (z. B. PubMed) verfügbar. Die S3-Leitlinie wird regelmäßig aktualisiert; die aktuelle Version ist auf der AWMF-Website abrufbar.
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2. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) (2024). S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Adipositas, Langfassung (PDF), Version 5.0 (Oktober 2024). https://register.awmf.org/assets/guidelines/050-001l_S3_Praevention-Therapie-Adipositas_2024-10.pdf
3. Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) (2024). Veröffentlichung aktualisierte S3-Leitlinie zur „Prävention und Therapie der Adipositas“. https://adipositas-gesellschaft.de/veroeffentlichung-aktualisierte-s3-leitlinie-zur-praevention-und-therapie-der-adipositas/
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