Die biologische Realität von Adipositas
Viele Menschen verstehen immer noch nicht, dass Übergewicht nicht einfach ein Symptom ist, das man „wegtrainieren“ kann. Es ist ein multifaktorielles Symptom, das aus genetischen, hormonellen, psychologischen, metabolischen und sozialen Faktoren entsteht. Die Krankheit selbst beeinflusst zahlreiche Prozesse im Körper, und das sichtbare Übergewicht ist nur eine Folge. Wer glaubt, man könne Adipositas einfach „wegdiäten“, verkennt die biologische Realität.
Am 3. Juli 2020 wurde Adipositas offiziell durch den Deutschen Bundestag als chronische Krankheit anerkannt. Damit folgt Deutschland der internationalen Klassifikation der WHO und den vorherigen Einschätzungen des Bundessozialgerichts von 2003. Diese Einordnung ist nicht einfach eine Meinung, sondern das Ergebnis von jahrzehntelanger, sich ständig weiterentwickelnder Forschung. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Adipositas multifaktoriell ist, langfristige biologische Prozesse beeinflusst und daher nicht allein durch Disziplin oder kurzfristige Maßnahmen gelöst werden kann.
Trotz dieser klaren wissenschaftlichen Fakten weigert sich die Gesellschaft oft, die Realität von Adipositas anzuerkennen. Dies liegt nicht daran, dass man „besser weiß“, sondern daran, dass die Erkenntnisse unbequem sind. In Deutschland gibt es tief verwurzelte Vorstellungen von Eigenverantwortung und Disziplin: Abnehmen soll allein durch persönlichen Willen und Anstrengung gelingen. Diese Haltung ist historisch geprägt, unter anderem durch militärische Traditionen, die Leistung, Ordnung und Selbstbeherrschung betonen, sowie christliche Vorstellungen von moralischer Tugend und Fleiß. Die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Adipositas multifaktoriell und chronisch ist, widerspricht diesem Narrativ. Viele Menschen möchten nicht akzeptieren, dass Betroffene trotz Engagement und Motivation langfristig scheitern können. Biologische, genetische, hormonelle oder metabolische Faktoren, die die Krankheit beeinflussen, werden so oft ignoriert oder relativiert. Gleichzeitig ist es einfacher, das Problem zu individualisieren, anstatt Prävention, langfristige Therapien und medizinische Maßnahmen umfassend zu unterstützen, da diese Zeit, Geld und gesellschaftliche Ressourcen erfordern.
Gesellschaftliche Wahrnehmung und Stigmatisierung
Betroffene hören oft: „Geh doch mal zu deinem Arzt.“ Das klingt erstmal logisch und einfach – wenn wir von der mangelnden Schulung vieler Ärzte einmal absehen. Wird dann nach der Diagnose eine medizinisch sinnvolle Option vorgeschlagen, folgt statt Anerkennung eher eine gesellschaftliche Stigmatisierung, weil man aus deren Sicht „versagt“ hat und es sich „zu einfach macht“. Auch hier wird die widersprüchliche Haltung der Gesellschaft deutlich und erhöht den Druck auf Betroffene.
Therapeutische Optionen und Barrieren
Die Zugänglichkeit von bariatrischen Operationen ist verhältnismäßig klar geregelt. Voraussetzung ist, dass ein konservativer Therapieansatz über einen längeren Zeitraum dokumentiert wurde und weitere medizinische Kriterien erfüllt sind. Nach der Operation ist eine begleitende Nachbetreuung entscheidend, um den langfristigen Erfolg zu sichern. Werden diese Voraussetzungen erfüllt, muss die Krankenkasse die Operation genehmigen. Trotzdem nutzt nur ein Bruchteil der Betroffenen diese Option. Gründe dafür sind offensichtlich. Die Kombination aus massiven Eingriffen, verständlichen Bedenken, eventueller Spätfolgen und den gesellschaftlichen Erwartungen dürften hier eine große Rolle spielen.
Die medikamentöse Therapie, etwa in Form von Spritzen, ist deutlich schwerer zugänglich als eine Operation. Auch wenn klare medizinische Indikationen bestehen, sind viele Ärzte nicht auf dem aktuellen Stand der Forschung oder haben Vorbehalte gegenüber der Verschreibung. Betroffene trauen sich häufig nicht direkt zum Arzt, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben oder eine Verschreibung und Begleitung abgelehnt wird und wenden sich stattdessen an Online-Ärzte. Für das Medikament allein zahlen sie 200 bis 500 Euro pro Monat, zuzüglich der Rezeptgebühren. Dazu kommt das Risiko von fehlenden Kontrollen und Abstimmungen mit dem Arzt. Solche Summen und das Risiko würde man nicht aufbringen, wenn noch andere realistische Möglichkeiten bestünden.
Ohne eine Diabetes-Diagnose erfolgt die Therapie nahezu ausschließlich auf Privatrezept in Eigenleistung. Die gesetzlichen Krankenkassen berufen sich auf §34 Abs. 1 Satz 1 SGB V, den sogenannten Lifestyle-Paragrafen, um die Kostenübernahme abzulehnen. Dieser Paragraf bezieht sich auf Medikamente, die zur „bequemen“ Gewichtsreduktion eingesetzt werden und nicht primär zur Behandlung einer akuten Krankheit dienen. Vor dem Hintergrund, dass Adipositas inzwischen als chronische Krankheit anerkannt ist, führt diese Argumentationskette ad absurdum: Adipositas erfüllt klare medizinische Kriterien, um auch als Krankheit behandelt werden zu dürfen. Hier muss der Gesetzgeber nachbessern, damit die Krankenkassen diesem medizinischen Standard folgen und Betroffenen der Zugang zu notwendigen Therapien ermöglicht wird. Würde man dasselbe bei einem Menschen mit Diabetes verlangen, dass er sein Problem bitte selber löst und seine medizinisch notwendige Therapie selbst finanziert, würde wohl kaum jemand zustimmen. Genau hier zeigt sich der gesellschaftliche Doppelstandard, der derzeit ja auch durch den Gesetzgeber unterstützt wird.
Adipositas als chronische Krankheit anerkennen
Adipositas ist eine chronische Krankheit. Wer das ignoriert, verschließt die Augen vor Fakten und trägt dazu bei, dass wir das Problem nicht lösen, sondern verschärfen. Man bekommt kein anderes Ergebnis, nur weil man die gleichen Fehler ständig wiederholt.
