Adipositas als chronisches Krankheitsbild und neue Therapiemöglichkeiten mit GLP1
Ich möchte heute meine Gedanken zum Thema Übergewicht und medikamentöse Therapie mit euch teilen, weil ich in den letzten Tagen immer wieder Diskussionen sehe, in denen so vieles falsch dargestellt wird. Menschen, die offen über ihre Adipositas reden oder über ihre Behandlung mit GLP1 Medikamenten sprechen, werden angefeindet und ihnen wird der ganze Erfolg abgesprochen. Bei kaum einer anderen Krankheit ist das so üblich wie bei Adipositas. Außenstehende können diesen Leidensdruck oft nicht nachvollziehen.
In den Medien hört man immer wieder von Medikamenten mit GLP1 Rezeptor Agonisten, aber nur wenige verstehen, warum diese Therapien notwendig sind und wie sie wirken. Von außen kommen fast immer die gleichen Einwände. Man solle erst die Ursachen finden oder es lieber ohne Medikamente versuchen. Natürlich ist es wichtig, medizinisch abzuklären, ob eine Schilddrüsenstörung oder andere hormonelle Probleme eine Rolle spielen. Aber in den meisten Fällen liegt das eigentliche Problem im Stoffwechsel. Es handelt sich um ein metabolisches Ungleichgewicht, das durch das Übergewicht selbst ausgelöst oder massiv verstärkt wird.
Overeat nicht aus Willensschwäche, sondern aus Biologie
Übergewicht ist keine Frage von fehlender Disziplin. Wer betroffen ist, kennt Foodnoise. Das ist dieses permanente innere Suchen nach Essen. Ein Drang, der sich nicht abschalten lässt. Für Außenstehende wirkt es wie mangelnde Selbstkontrolle. In Wahrheit handelt es sich um einen körperlichen Prozess.
Am besten versteht man es mit einem Vergleich. Man muss dringend auf die Toilette. Eine Weile kann man das verdrängen. Je länger man es aber unterdrückt, desto stärker wird der Druck. Irgendwann überlagert dieses Bedürfnis alles andere. Genau das ist Foodnoise. Ein reales körperliches Signal, das nicht verschwindet, nur weil man sich zusammenreißt.
Wie Übergewicht den Körper verändert
Langfristiges Übergewicht bringt den gesamten Hormonhaushalt durcheinander. Fettgewebe ist kein passiver Energiespeicher. Es ist hormonell aktiv und produziert Adipokine und entzündungsfördernde Botenstoffe, die Entzündungen im Körper verstärken. Die Insulinempfindlichkeit sinkt, es entsteht Insulinresistenz. Zucker gelangt schlechter in die Zellen, der Körper schüttet noch mehr Insulin aus. Die Folge ist Hyperinsulinämie.
Hohe Insulinspiegel fördern Hunger, begünstigen Fetteinlagerungen und verstärken die Stoffwechselstörung. Zusätzlich wird im Fettgewebe vermehrt Östrogen gebildet. Das verschiebt das gesamte endokrine Gleichgewicht. Mit jedem Kilo Übergewicht gerät das System weiter aus der Balance. Es entsteht ein Teufelskreis, der sich selbst erhält.
Auch das Gehirn verändert sich
Hochkalorische Lebensmittel, vor allem die Kombination aus Fett und Zucker, aktivieren das Belohnungssystem und sorgen für eine starke Dopaminausschüttung. Das Gehirn lernt schnell, dass Essen emotionalen Druck kurzfristig lindert. Langfristig wird dieses Muster immer stärker. Betroffene erleben Essen dann wie eine Sucht. Das Bedürfnis nach dieser schnellen Belohnung wird immer präsenter.
Wer zusätzlich unbehandeltes ADHS hat, kämpft ohnehin mit einem dauerhaften Dopaminmangel. Essen wird dann noch stärker zu einer scheinbar einfachen Möglichkeit, dieses Defizit zu überbrücken. Auch hier kann eine GLP1 Therapie helfen, da sie nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch das Belohnungssystem beeinflusst.
Wie GLP1 Therapien wirken
GLP1 Rezeptor Agonisten und neuere GIP GLP1 Kombinationen setzen an mehreren Mechanismen gleichzeitig an. Sie
- verbessern die Insulinsensitivität
- senken die überhöhten Insulinspiegel
- entlasten die Bauchspeicheldrüse
- sorgen dafür, dass Zucker wieder besser in die Zellen gelangt
- verzögern die Magenentleerung
- verlängern das Sättigungsgefühl
- reduzieren das Foodnoise und wirken im Belohnungssystem
Sie greifen also direkt an den Prozessen an, die Übergewicht aufrechterhalten, und eröffnen Betroffenen überhaupt erst die Möglichkeit, wieder nachhaltig Gewicht zu verlieren.
Risiken gibt es, aber auch klare Vorteile
Natürlich haben diese Medikamente Nebenwirkungen. Meistens sind es Magen Darm Beschwerden, die mit der Zeit nachlassen oder durch eine angepasste Ernährung und Dosierung kontrollierbar sind. Schwerere Nebenwirkungen sind selten, müssen aber im Blick behalten werden.
Entscheidend ist die Risiko Nutzen Abwägung. Adipositas hat fast immer massive gesundheitliche Folgen wie Diabetes, Herz Kreislauf Erkrankungen oder Arthrose. Medikamente kann man wechseln, anpassen oder absetzen. Die Folgen von unbehandeltem Übergewicht lassen sich nicht so einfach korrigieren.
Muss man diese Medikamente dauerhaft nehmen
Das ist individuell. Manche Menschen brauchen GLP1 dauerhaft, weil ihr Stoffwechsel geschädigt ist und sich nicht vollständig reguliert. Das ist bei anderen chronischen Krankheiten nichts Ungewöhnliches. Andere können nach einer gewissen Zeit ausschleichen und prüfen, wie der Körper ohne Unterstützung zurechtkommt. Viele halten ihr Gewicht besser, wenn sie erst einmal Normalgewicht erreicht haben, weil sich der Stoffwechsel in diesem Zustand wieder stabilisieren kann.
Das große Problem ist, dass viele Betroffene niemals diesen stabilisierenden Bereich erreichen, weil sie lange Zeit gegen ihren eigenen Körper kämpfen.
Unser Gesundheitssystem ist nicht vorbereitet
GLP1 Therapien sind fast immer eine Selbstzahlerleistung. Betroffene müssen mehrere hundert Euro im Monat aufbringen. Gleichzeitig werden bariatrische Operationen vergleichsweise problemlos übernommen, obwohl diese invasiv sind und eigene Risiken mitbringen. Ernährungsberatung wird kaum bezahlt, Therapieplätze sind knapp, und viele Ärzte sind im Bereich Adipositas nicht auf dem aktuellen Stand.
Ich bin aber optimistisch, dass die Kassen diese Therapien in Zukunft stärker übernehmen werden, wenn die langfristigen Erfolge noch deutlicher belegt sind.
Zeit für ein Umdenken
Übergewicht ist keine Entscheidung. Es ist eine chronische, komplexe Krankheit, die Körper und Gehirn betrifft. GLP1 Medikamente sind kein Wundermittel, aber sie sind ein wirksames Werkzeug. Sie reduzieren Foodnoise, verbessern die Insulinsensitivität, stabilisieren den Stoffwechsel und geben dem Gehirn die Chance, aus alten Mustern auszubrechen.
Es ist höchste Zeit, diese Therapie nicht mehr moralisch abzuwerten. Niemand würde einem Diabetiker sagen, er solle Insulin einfach mal weglassen. Bei Adipositas passiert aber genau das. Und das ist nicht nur unfair, sondern medizinisch schlicht falsch.
